Arbeitszeit und Vertrag

Muss die Klinik Überstunden von Assistenzärzten bezahlen?

Kurz gesagtJa, wenn die Klinik sie angeordnet, geduldet oder nachträglich gebilligt hat und Sie sie belegen können (BAG, 5 AZR 359/21). Nach Tarif ist jede angeordnete Stunde über Ihren Dienstplan hinaus eine Überstunde. Ausnahme: Die Klinik gleicht sie bis zum Ende der folgenden Kalenderwoche aus. Sie bekommen das Stundenentgelt plus 15 Prozent Zuschlag, an Universitätskliniken zunächst Freizeit. Fordern Sie Ihr Geld innerhalb von sechs Monaten schriftlich, sonst verfällt der Anspruch (§ 37). Stand: VKA 1. Juli 2025, TdL 1. April 2026.

Stand 14.10.2026 · 11 amtliche Quellen

Muss die Klinik zahlen? Was Sie belegen müssen

Das Bundesarbeitsgericht hat die Voraussetzungen 2022 zusammengefasst (Urteil vom 4. Mai 2022, 5 AZR 359/21). Der Fall betraf einen Auslieferungsfahrer. Die Grundsätze gelten aber für alle Arbeitnehmer, auch für Sie als Klinikärztin oder Klinikarzt. Die Tarifverträge ändern daran nichts. Sie legen nur fest, was als Überstunde zählt und wie sie bezahlt wird.

  1. Zeigen, dass Sie länger gearbeitet haben. Sie müssen darlegen, dass Sie über Ihre normale Arbeitszeit hinaus gearbeitet haben. Es reicht auch, dass Sie sich auf Anweisung des Arbeitgebers dafür bereitgehalten haben. Ein pauschales „Ich habe viele Überstunden gemacht“ genügt nicht. Sie müssen genauer beschreiben, wie viel Sie gearbeitet haben (BAG, Pressemitteilung 16/22).
  2. Zeigen, dass die Klinik sie veranlasst hat. Bezahlen muss der Arbeitgeber nur Überstunden, die er veranlasst hat. Sie müssen also darlegen, dass er sie angeordnet hat, ausdrücklich oder durch sein Verhalten. Es genügt auch, dass er sie geduldet oder nachträglich gebilligt hat. Nach dem Urteil reicht außerdem, dass die Überstunden nötig waren, um die geschuldete Arbeit zu erledigen.
  3. Zeiten belegen. Ihr Arbeitgeber muss jede Stunde aufzeichnen, die Sie über acht Stunden am Werktag hinaus arbeiten. Die Nachweise bewahrt er mindestens zwei Jahre auf (§ 16 Abs. 2 ArbZG). Nach den Tarifverträgen erfasst er sogar Ihre gesamte Anwesenheit, und Sie dürfen die Aufzeichnung einsehen (§ 14 TV-Ärzte/VKA, § 10 Abs. 2 TV-Ärzte/TdL). Lassen Sie sich diese Daten zeigen, bevor Sie Geld fordern.
  4. Frist wahren. Fordern Sie die Bezahlung schriftlich, spätestens sechs Monate nachdem sie fällig war. Sonst verfällt Ihr Anspruch. Geht es immer um denselben Sachverhalt, genügt ein Schreiben auch für später fällige Beträge (§ 37 Abs. 1 TV-Ärzte/VKA und TV-Ärzte/TdL).

Auch wenn Ihr Arbeitgeber die Arbeitszeit erfassen muss, bleibt es dabei: Sie müssen die Überstunden darlegen. Das Bundesarbeitsgericht hat es ausdrücklich abgelehnt, wegen der EuGH-Entscheidung zur Arbeitszeiterfassung (C-55/18) davon abzurücken. Die Erfassungspflicht selbst hat es am 13. September 2022 aus dem Arbeitsschutzgesetz abgeleitet. Danach müssen Arbeitgeber Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit erfassen (1 ABR 22/21, § 3 Abs. 2 Nr. 1 ArbSchG).

Was zählt als Überstunde?

PunktTV-Ärzte/VKA (kommunale Krankenhäuser)TV-Ärzte/TdL (Universitätskliniken)
Definitionangeordnete Stunden über die für die Woche dienstplanmäßig oder betriebsüblich festgesetzten Stunden hinaus, die nicht bis zum Ende der folgenden Kalenderwoche ausgeglichen werden (§ 9 Abs. 5)gleich (§ 7 Abs. 9)
Ausnahmenbei Arbeitszeitkorridor nur Stunden über 45 Wochenstunden, bei Rahmenzeit nur Stunden außerhalb von 6 bis 20 Uhr, bei Schichtarbeit nur Stunden über den Schichtplan hinaus (§ 9 Abs. 6)Schichtregel gleich (§ 7 Abs. 10). Korridor und Rahmenzeit nur durch Tarifvertrag auf Landesebene (§ 6 Abs. 6 und 7)
Pflicht zur Leistungbei begründeten betrieblichen Notwendigkeiten. In Teilzeit nur, wenn Ihr Arbeitsvertrag es regelt oder Sie zustimmen (§ 7 Abs. 6)gleich (§ 6 Abs. 5)

Entscheidend ist die Anordnung. Nimmt die Klinik Ihre Arbeit entgegen, muss sie diese als Arbeitszeit anerkennen und ausgleichen oder bezahlen (Protokollerklärung zu § 10 Abs. 2 TV-Ärzte/TdL). Stunden, die keine Überstunden sind und nicht im Jahreszeitraum ausgeglichen werden, bezahlt die Klinik mit 100 Prozent des Stundenentgelts (§ 11 Abs. 2 TV-Ärzte/VKA, § 8 Abs. 4 TV-Ärzte/TdL).

Bekommen Sie Geld oder Freizeit?

RegelTV-Ärzte/VKATV-Ärzte/TdL
Zeitzuschlag15 Prozent des auf eine Stunde entfallenden Anteils des Tabellenentgelts der Stufe 3, bei Oberärzten und leitenden Oberärzten der höchsten Stufe (§ 11 Abs. 1)15 Prozent des Stundenanteils der Stufe 3 (§ 8 Abs. 1)
Entgelt für die Stundenach Ihrer Stufe, höchstens Stufe 4 (Protokollerklärung zu § 11 Abs. 1)gleich (Protokollerklärung zu § 8 Abs. 1)
FreizeitausgleichStunden, die bis zum Ende der folgenden Kalenderwoche ausgeglichen werden, sind keine Überstunden (§ 9 Abs. 5). Darüber hinaus sieht der Text keinen Freizeitausgleich vor. Stundenentgelt und Zuschlag werden je Stunde gezahlt (§ 11 Abs. 1)grundsätzlich Freizeitausgleich. Bleibt er bis zum Ende des dritten Kalendermonats aus, werden 100 Prozent des Stundenentgelts gezahlt. Der Zuschlag steht unabhängig davon zu und kann auf Wunsch in Zeit umgewandelt werden (§ 8 Abs. 1 und 2)

Für Sie heißt das: An kommunalen Kliniken bekommen Sie je angeordneter Überstunde Ihr Stundenentgelt, höchstens nach Stufe 4, plus den Zuschlag von 15 Prozent. An Universitätskliniken bekommen Sie zuerst Freizeit. Bleibt sie drei Monate aus, wird das Stundenentgelt gezahlt. Der Zuschlag kommt in beiden Fällen hinzu.

Die weiteren Zeitzuschläge stehen im Artikel Zuschläge für Nacht, Sonntag und Feiertag. Bereitschaftsdienst wird nach eigenen Regeln bewertet, siehe Bereitschaftsdienst: Vergütung.

Ist eine Pauschale im Arbeitsvertrag wirksam?

Gilt kein Tarifvertrag, entscheidet Ihr Arbeitsvertrag. Das betrifft etwa Chefärzte mit Einzelvertrag, für die der TV-Ärzte/VKA nicht gilt (§ 1 Abs. 2). Pauschalen setzt das Bundesarbeitsgericht dabei Grenzen:

  • Steht im Vertrag „Erforderliche Überstunden sind mit dem Monatsgehalt abgegolten“, ist das zu unklar. Unwirksam ist die Klausel, wenn der Vertrag nicht deutlich sagt, wie viele Überstunden ohne zusätzliche Bezahlung gemeint sind (BAG, Urteil vom 1. September 2010, 5 AZR 517/09).
  • Ist die Klausel unwirksam, gilt eine Bezahlung als vereinbart, wenn man die Arbeit nach den Umständen nur gegen Geld erwarten kann (§ 612 Abs. 1 BGB). Ob das so ist, wird objektiv beurteilt. Ein Zeichen dafür: Tarifverträge in der Branche bezahlen Überstunden. Diese Erwartung fehlt bei Diensten höherer Art oder bei deutlich herausgehobener Vergütung (BAG, Urteil vom 22. Februar 2012, 5 AZR 765/10).

Wie viele Überstunden machen Klinikärzte?

An der Umfrage MB-Monitor 2024 des Marburger Bundes nahmen vom 27. September bis 27. Oktober 2024 bundesweit 9.649 angestellte Ärztinnen und Ärzte teil. Davon kamen 90 Prozent aus Akutkrankenhäusern und Reha-Kliniken. Vollzeitkräfte arbeiten danach im Durchschnitt rund 55 Stunden pro Woche, mit allen Diensten und Überstunden. Regelmäßig 60 Stunden und mehr arbeiten 24 Prozent. Höchstens 48 Stunden wünschen sich 91 Prozent.

Überstunden pro Woche im Durchschnitt (MB-Monitor 2024, 9.552 gültige Antworten)
Überstunden pro WocheAnteil
0 bis 4 Stunden44 Prozent
mehr als 4 bis 9 Stunden35 Prozent
mehr als 9 bis 19 Stunden18 Prozent
mehr als 19 bis 29 Stunden2 Prozent
mehr als 29 Stunden1 Prozent
Mittelwert5,9 Stunden

In kommunalen Kliniken werden danach 56 Prozent der Arbeitszeiten elektronisch erfasst. Gar nicht systematisch erfasst wird nur bei 15 Prozent der dort Befragten. Bei anderen Trägern wird etwa ein Drittel elektronisch erfasst. Fehlt bei Ihnen eine verlässliche Erfassung, schreiben Sie Ihre Zeiten selbst auf.

Was sollten Sie tun?

  • Lassen Sie sich Überstunden möglichst anordnen oder nachträglich bestätigen. Dann ist die Veranlassung leicht zu belegen.
  • Prüfen Sie Ihren Vertrag auf eine Pauschalklausel ohne Stundenzahl. Eine solche Klausel ist unwirksam.

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Verwandte Fragen

BegriffeTarifvertragMarburger BundBereitschaftsdienst / RufbereitschaftChefarzt

Quellen

Amtliche und tarifliche Veröffentlichungen, auf denen diese Antwort beruht, mit dem Datum des Abrufs.

  1. TV-Ärzte/VKA in der Fassung des Änderungstarifvertrags Nr. 10 (Stand: 1. Juli 2025), Marburger Bund, abgerufen am 11.10.2026.
  2. TV-Ärzte (TdL) in der Fassung des Änderungstarifvertrages Nr. 10 (Stand: 1. April 2026), Marburger Bund, abgerufen am 11.10.2026.
  3. § 16 Arbeitszeitgesetz (Aushang und Arbeitszeitnachweise), Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 11.10.2026.
  4. Urteil vom 4. Mai 2022, 5 AZR 359/21 (Überstundenvergütung, Darlegungs- und Beweislast), Bundesarbeitsgericht, abgerufen am 11.10.2026.
  5. Pressemitteilung 16/22 vom 4. Mai 2022: Darlegungs- und Beweislast im Überstundenvergütungsprozess, Bundesarbeitsgericht, abgerufen am 11.10.2026.
  6. Beschluss vom 13. September 2022, 1 ABR 22/21 (Pflicht zur Arbeitszeiterfassung), Bundesarbeitsgericht, abgerufen am 07.10.2026.
  7. Urteil vom 1. September 2010, 5 AZR 517/09 (Pauschalabgeltung von Überstunden), Bundesarbeitsgericht, abgerufen am 07.10.2026.
  8. Urteil vom 22. Februar 2012, 5 AZR 765/10 (Vergütungserwartung bei Überstunden), Bundesarbeitsgericht, abgerufen am 07.10.2026.
  9. MB-Monitor 2024: hohe Belastung, unzureichende Personalausstattung und Zunahme an Gewalterfahrungen, Marburger Bund, abgerufen am 07.10.2026.
  10. MB-Monitor 2024: Zusammenfassung der Ergebnisse, Marburger Bund, abgerufen am 07.10.2026.
  11. Gesamtauswertung IQME, MB-Monitor 2024, Marburger Bund, abgerufen am 07.10.2026.

Diese Seite fasst die genannten Veröffentlichungen zusammen; verbindlich ist die Auskunft der zuständigen Ärztekammer, Behörde oder Tarifpartei. Erstveröffentlicht am 01.10.2026, zuletzt geprüft am 14.10.2026.